Schnurrhaare: Die nackte Wahrheit

22. Juli 2016

Ganz klar, Schnurrhaare sind zum Schnurren da, oder etwa nicht?

In unserer neuen Reihe „Katzenmyten“ werden wir künftig regelmäßig
mit einigen bekannten aber auch nicht so bekannten Gerüchten
rund um die Katze aufräumen.

Zu Beginn der Reihe wollen wir uns mit den sogenannten Schnurrhaaren näher beschäftigen.

Schnurrhaare

Jedes Kind kennt sie, jeder Erwachsene weiß mit dem Begriff „Schnurrhaare“ etwas anzufangen.
Ja sogar Google kennt Schnurrhaare und zeigt uns relevante Ergebnisse …

Aber was genau macht die Katze mit den Schnurrhaaren?
Wird mit diesen stabilen, langen „Borsten“ im Gesicht wirklich geschnurrt?

Kurz und knapp: Nein!

Wie kommt es nun aber das der Begriff „Schnurrhaare“ so gebräuchlich ist?

Herkunft des Begriffes „Schnurrhaare“

Tatsächlich ist die Herkunft oder Entstehung des Begriffes nicht eindeutig nachvollziehbar.
Da die korrekte Bezeichnung der Schnurrhaare – Vibrissen – aber etwas kompliziert ist,
ersetzt der Begriff „Schnurrhaare“ diesen wohl einfach im Alltagsgebrauch.
Wer würde auch schon sagen: „Die Vibrissen meiner Katze sehen lustig aus …“?

Wenn man im Duden den Begriff „Schnurrhaar“ nachschlägt,
findet man folgende Erklärung:

langes, kräftiges, auf der Oberlippe der meisten Säugetiere, besonders bei Katzen
und Nagern wachsendes, seitlich weit abstehendes (Tast)haar

Hier kommt man schon näher, an die tatsächliche Funktion der Schnurrhaare, heran …
Schnurrhaare sind in Wirklichkeit also die Tasthaare unter anderem einer Katze!

Der (eigentlich) korrekte Begriff für Schnurrhaare

Der Fachbegriff für Schnurrhaare lautet Vibrissen (lat. vibrissa, Plural vibrissae),
alternativ auch Sinus-, Tast- oder eben auch Schnurrhaare
Wobei der Begriff „Schnurrhaare“ die eigentliche Funktion dieser Haare
wohl am schlechtesten beschreibt bzw. eher irreführend ist.  

Interessantes Detail:

Der lateinische Begriff vibrissae bezeichnet außer Tasthaaren
übrigens auch die Schutzhaare in der Nasenhöhle (Nasenhaar).

Die Funktion der Vibrissen (Tasthaare) bei der Katze

Gleich vorweg, die Vibrissen (oder besser Tasthaare) einer Katze sind wahnsinnig interessant.
Sie stellen den „sechsten Sinn“ einer Katze dar, Grund genug also, die Funktion der Tasthaare
näher zu beleuchten …

Tasthaare bestehen wie alle Haare aus leblosem Material, enthalten keine Nerven und wachsen nach.
Im Unterschied zu anderen Haaren sind Tasthaare jedoch speziell in einem Kissen eingebettet.
Dieses Kissen nennt man bei Katzen tatsächlich Schnurrhaar- oder auch Tasthaarkissen,
ist sehr gut durchblutet und enthält zahlreiche Nervenenden.

In der Praxis entstehen dadurch zahlreiche Vorteile für die Katze …

Wird ein Tasthaar berührt oder bewegt, biegt es sich und durch die gute Durchblutung im (Schnurrhaar) Kissen
wird diese Bewegung verstärkt und gelangt zu den zahlreichen Nervenenden.
Auf diese Art ist es der Katze möglich, selbst minimale Reize wahrzunehmen und richtig einzuordnen.

Zudem sind die Tasthaare im Schnurrhaarkissen von Muskelgewebe umgeben,
wodurch die Katze die einzelnen Tasthaare bewegen kann, um die Umgebung zusätzlich aktiv zu erkunden.

Die Katze kann sich (neben anderen Säugetieren) dadurch perfekt im Dunkeln orientieren,
Gefahren wahrnehmen oder auch Nahrung aufspüren.
Es können sogar feinste Luftverwirbelungen ertastet werden.

Ein großer Teil des Gehirns von Katzen (und von anderen Säugetieren) ist damit beschäftigt,
die Nervenimpulse der Tasthaare auszuwerten.
Die Tasthaare sind daher für die Orientierung der Tiere in ihrer jeweiligen Umwelt überlebenswichtig.

Tasthaare – nur im „Gesicht“ der Katze?

Schnurrhaare Egyptian Mau Katzenblog Post 64_Foto 2

Nein.
Üblicherweise befinden sich drei bis vier „Reihen“ Tasthaare, durchschnittlich 24 Stück,
rund um die Nase einer Katze.
Die oberen beiden Reihen können dabei sogar unabhängig von den anderen bewegt werden.

Doch kaum jemand weiß, dass die Katze noch mehr Tasthaare besitzt,
nämlich am Kinn, über den Augen, an den Gelenken und zwischen den Pfotenballen.

Im obigen Bild von Matt sind auch die Tasthaare über den Augen sehr gut zu erkennen.
Wir haben uns zusätzlich ein Titelbild mit freier Lizenz gesucht (siehe ganz oben),
wo die Tasthaare durch den Farbunterschied noch besser erkennbar sind.

Tasthaare als Mittel zur Kommunikation?

Ja, Katzen verwenden Tasthaare sogar als Mittel zur Kommunikation!

– Wenn die Tasthaare nach hinten gerichtet und angelegt werden, fürchtet sich die Katze.
Eventuell möchte sie sich zurückziehen oder fühlt sich bedroht und geht sogar zum Angriff über.

– Seitlich ausgerichtete, aufgefächerte Tasthaare sind ein Zeichen von Ruhe und Entspannung.

– Breit nach vorne aufgefächerte Tasthaare bedeuten hingegen eher Aufmerksamkeit und Spannung.

Die Länge von Tasthaaren

Die Länge der Tasthaare – speziell rund um die Nase der Katze – richtet sich in der Regel nach deren Breite.
Das klingt jetzt natürlich etwas eigenartig, aber es ist durchaus sinnvoll.
So kann die Katze auch durch Ertasten exakt bestimmen, wo sie durchpasst und wo eben nicht.

Man kann dies unter anderem bei einem Spieltunnel sehr gut beobachten.
Passt die Katze nicht durch, wird diese von sich aus keinen Versuch wagen, dennoch durchzukommen.
In Ausnahmefällen kann der Erlös oder „die Beute“ so verlockend sein, um das Risiko einzugehen,
aber in der Regel wird sich die Katze nicht freiwillig „durchquetschen“.

Daher sollte man Tasthaare auch nie kürzen, abschneiden oder sonst irgendwie „pflegen“.
Die Katze würde einen Teil ihres Orientierungssinns verlieren und mitunter gegen Gegenstände laufen etc.

Zudem fallen Tasthaare von alleine aus und wachsen auch wieder nach, eine menschliche Einflussnahme
ist also gar nicht notwendig.

Rücksicht auf die Tasthaare der Katze nehmen?

Kann man auf die Tasthaare der Katze als Halter Rücksicht nehmen?

Nun, Katzen passen auf die empfindlichen Tasthaare schon selbst auf.
Dennoch kann man als Halter unterstützend eingreifen …

Wir verwenden zum Beispiel mehrheitlich Hundenäpfe als Futter- und Wassernäpfe.
Deren Umfang ist meist größer, sodass die Katzen mit ihren empfindlichen Tasthaaren
nicht ständig an den Rändern der Näpfe anstoßen.

Zudem achten wir bei der Anschaffung von Dingen wie Kuschelhöhlen auf die Breite des Eingangs,
schließlich soll man ja bequem reinkommen, um im inneren der Höhle
so richtig entspannen zu können.

Tasthaare als Wunder der Natur in der Bionik

Vorweg, die Wissenschaft der Bionik beschäftigt sich mit dem Übertragen
von Phänomenen der Natur auf die Technik.
Ziel ist es in der Regel, diese Phänomene zu entschlüsseln,
um die von der Natur optimierten Prozesse für uns Menschen nutzbar zu machen.

Prominente Beispiele:

– der Lotuseffekt
– optimierte Formen der Flugzeugtragflächen
– der Klettverschluss wurde zum Beispiel nach dem Vorbild von Klettfrüchten entwickelt
– Saugnäpfe kommen auch bei Kraken und Käfern vor
– ja sogar Regentropfen wurden als Vorbild für die Lupe herangezogen

Diese Liste ließe sich vermutlich ewig erweitern,
viele Entwicklungen benutzen wir mittlerweile tagtäglich, ohne deren Ursprung zu kennen.

Es ist also wenig verwunderlich, dass auch Tasthaare in den Fokus der Forscher gerückt sind …

Tasthaare von Robben

Aktuell werden unter anderem speziell die Tasthaare von Robben erforscht.

Schnurrhaare Egyptian Mau Katzenblog Post 64_Foto 3

CC0-Lizenz (kein Bildnachweis erforderlich)

Die Tasthaare von Robben funktionieren grundsätzlich nach demselben Prinzip wie jene von Katzen.
Allerdings können Robben, aufgrund ihres natürlichen Lebensraumes,
auch noch feinste Wasserströmungen und -bewegungen wahrnehmen.

Diese Fähigkeit wird genutzt, um sich möglichst effektiv im Wasser zu bewegen und um Nahrungsquellen
millimetergenau orten zu können.

Diese Eigenschaften sind natürlich unter anderem für die Schifffahrt sowie für die Ortungstechnik
äußerst interessant.

Tasthaare in der Technik

Die Einbeziehung des Tastsinns auf Grundlage der Tasthaare in moderne Roboter
eröffnet diesen zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten.
So könnten Roboter oder andere technische Systeme ihre Umgebung nicht nur über optische oder akustische,
sondern auch durch haptische Signale erkunden.

Einige Anwendungsmöglichkeiten:

Einparkhilfe im Auto (wenn es schon fast zu spät ist), selbstständig arbeitender Staubsauger
oder zum Beispiel beim Aufspüren von Verstopfungen in Rohren oder Pipelines.


Wir hoffen, unser kleiner Ausflug in der Welt der Tasthaare hat Euch gefallen
und wir konnten Euch dieses faszinierende Wunderwerk der Natur etwas näher bringen.

Leider ist allerdings nun immer noch nicht geklärt, wie eine Katze eigentlich schnurrt.
Dies müssen wir wohl in einem der nächsten Beiträge aufdecken …
Schnurr!

Über konstruktives Feedback, Themenwünsche sowie Kommentare freuen wir uns immer!
Einfach unten die Kommentarfunktion oder das Kontaktformular nutzen,
wir kratzen auch nicht – versprochen! :-)

Liebe Grüße und Schnurrer

Felix, Cleopatra, Manet & Matt

Schnurr uns was ....